Christopher Galt Novels

Udo Röbel's Hamburger Abendblatt

Die Liebeserklärung eines Briten
Der schottische Autor Craig Russell macht Hamburg zum Tatort seiner Thriller

Von Udo Röbel

Hamburg - Eine Gewitternacht über Hamburg. Ein anonymes Appartement in Altona. Und darin die entsetzlich zugerichtete Leiche einer jungen, schönen Frau. So beginnt ein überaus spannender neuer Thriller, der in der Hansestadt spielt. Doch das eigentlich Spannende an diesem Buch ist, daß es ein englischer Thriller ist. Geschrieben von einem britischen Autor und vor wenigen Wochen in England auf den Markt gebracht vom größten Buchverlag der Welt - von Random House."Blood Eagle" (Blut-Adler) heißt das Buch, und es sollen ihm fünf weitere Thriller folgen. Alle angesiedelt in Hamburg. Alle mit dem Hamburger

Kommissar Jan Fabel als Protagonisten. Und alle mit einem erstaunlich
deutschfreundlichen und sehr differenzierten Blick auf Deutschland und seine Geschichte. Ja, wie denn? Was denn? Spinnen die Engländer plötzlich? Autor Craig Russell (48) ist immer noch ein bißchen überrascht, daß er in England überhaupt einen Verlag gefunden hat, der seine Meinung teilt, es sei endlich an der Zeit, das vorherrschende
Deutschland-Bild vieler Engländer aufzubrechen. Ein Bild, das immer
noch geprägt ist von reflexhaften"Krauts"- und Nazi-Stereotypen.
Schlagzeilen wie "Von der Hitlerjugend zum Papst", der "Panzer-Papst" oder
"Gottes Rottweiler" nach der Wahl von Kardinal Ratzinger zum neuen Oberhaupt
der katholischen Kirche sind leider immer noch an der Tagesordnung. Craig
Russell findet sie "peinlich". Genauso wie die nicht enden wollenden
britischen TV-Comedys, die im Zweiten Weltkrieg spielen und vor fetten,
dummen deutschen Feldwebeln und "Heil Hitler!" schnarrenden Majoren
strotzen.
"Schon als Kind habe ich mich gefragt, wenn ich diese Nazi-Filme sah, ob die
Deutschen wirklich so blöd sind", sagt Russell. "Aber auch heute noch ist
Deutschland für englische Roman-Autoren eigentlich nur interessant, wenn sie
eine Geschichte aus der Nazi-Zeit erzählen können."
Die ersten britischen Literatur-Agenten, denen Russell sein Manuskript
anbot, waren denn auch skeptisch. ",Muß es denn unbedingt das Deutschland
von heute sein?' fragten sie mich. ,Holland oder Schweden wäre doch auch
ganz gut.'" Russell blieb stur. Und fand in Carol Blake eine renommierte
britische Literaturagentin, die sein Buch "geradezu enthusiastisch" aufnahm.
Inzwischen hat sie die Rechte in 14 europäische Länder weiterverkauft.
Darunter nach Holland, wo "Blood Eagle" sehr bald in die dritte Auflage
ging.
Tatort Deutschland. Für die Briten ein neuer Krimi-Trend? Das Schielen auf
einen neuen Markt, der sich ähnlich erfolgreich entwickeln könnte, wie das
für die schwedischen Krimi-Autoren in Deutschland der Fall war? "Uns war
nicht nur die glänzend geschriebene Crime-Story wichtig", sagt Carol Blake.
"Sondern daß dahinter auch noch die andere Geschichte steckt, die dem
britischen Leser Denkanstöße gibt, speziell solchen, die noch immer alte
Klischees über Deutschland im Kopf haben."
Für Craig Russel ist sein Hamburg-Thriller aber auch eine Herzenssache, die
er sich selbst nicht ganz erklären kann. "Es war vor 15 Jahren", erzählt er.
"Ich arbeitete damals noch als Creative Director in einer Werbeagentur. Dort
fiel mir eines Tages ein Bildband in die Hände. Stille, wunderschöne Fotos
von einer norddeutschen Kleinstadt im Morgennebel. Und plötzlich überkam
mich ein tiefes, mir völlig unbekanntes Gefühl. Es war so etwas wie Heimweh.
Und ich fuhr nach Hause und sagte zu meiner Frau: Ich muß nach Deutschland."
Seither hat Russell jedes Jahr Deutschland besucht. Vor allem
Norddeutschland und Hamburg. Und er hat Deutsch gelernt. "Vielleicht liegt
es ja auch daran, daß ich Schotte bin", sagt er. "Die Schotten waren schon
immer weltoffener und europäischer als die Engländer. Und was ich schon
immer in mir gespürt habe, bestätigte sich bei meinen Besuchen in Friesland:
Der ostschottische Dialekt hat starke Wurzeln im Friesischen oder umgekehrt,
was sich ja auch historisch belegen läßt, wenn man sich die
Wanderungsbewegungen unserer Volksstämme anschaut."
Folgerichtig hat Russell seinen Hamburger Kommissar denn auch mit zwei
Identitäts-Wurzeln angelegt: Jan Fabel ist Ostfriese, hat eine schottische
Mutter, einen deutschen Vater und wird im Hamburger Polizeipräsidium nur
"der englischsprachige Kommissar" genannt.
Ansonsten ist Fabel eine vielschichtige Person mit Kanten und Brüchen.
Geschieden, einsam, geprägt von traumatischen Erlebnissen des RAF-Terrors in
den 70er Jahren und vorgebildet durch ein Geschichtsstudium, was Russell die
Plattform schafft, seinen Helden auf der Jagd nach dem Mörder immer wieder
die aktuelle Situation Deutschlands vor dem Hintergrund seiner dunklen
Vergangenheit reflektieren zu lassen.
Das alles kommt in "Blood Eagle" nicht oberlehrerhaft und erstaunlich
unverkrampft daher. So zum Beispiel, wenn Fabel am Tatort eine ältere
Nachbarin befragt, die ihm leider nicht weiterhelfen kann, weil sie fast
taub ist und nichts vom Tathergang gehört hat: "Das ist noch von den
Bomben", entschuldigt sich die Frau. Und Fabel fragt zurück: "Von der
Bombardierung durch die Briten?" Und die Frau sagt "Ja" und zeigt dem
"englischsprachigen Kommissar" ihren verbrannten und verstümmelten Arm. Doch
es geht dem Autor nicht nur um Deutschland. "Um uns alle herum entsteht ein
neues Europa", sagt Russell. "Und Deutschland liegt mitten in diesem neuen
Europa. Ein aufregender Schauplatz, wo plötzlich vollkommen gegensätzliche
Kulturen aufeinanderprallen."
Wie in seinem Thriller "Blood Eagle", wo vor dem Hintergrund erbarmungsloser
Bandenkriege zwischen Türken und Ukrainern ein psychopathischer Mörder die
Hamburger Polizei in Atem hält. Die Resonanz in England auf einen "deutschen
Thriller" war bisher ausgesprochen positiv. Bis auf eine Besprechung im
"Guardian". Russell: "Denen gab's in meinem Buch zu viele authentische
deutsche Bezeichnungen, Begriffe und Straßennamen."
Udo Röbel, der Autor dieses Artikels, schreibt Kriminalromane und lebt in
Hamburg

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