Christopher Galt Novels

Bestseller - der Held ist Hamburg

Krimi: Die Vorbilder sind Henning Mankell und Raymond Chandler. Der erste
Roman des schottischen Autors Craig Russell spielt in Hamburg - eine dunkle
Story um einen Serienmörder.

Von Volker Albers
Hamburg -

Craig Russell zögert nicht. "Dieses Bild hinterläßt einen bleibenden
Eindruck. Man vergißt es nicht." Das Bild findet sich in dem Thriller
"Blutadler" und beschreibt den fürchterlich zugerichteten Körper einer
weiblichen Leiche - angelehnt an jenem Blutadler-Ritual, das meist den
Wikingern zugeschrieben wird. Ein Bild, das sicht tatsächlich einschreibt
ins Gedächtnis.

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Der schottische Autor Craig Russell hat seinen ersten Roman geschrieben -
und der spielt mitten in Hamburg. "Es war eine Entscheidung des Herzens",
erzählt Russell (49), der mit seiner Familie in der Nähe von Glasgow lebt,
im Abendblatt-Gespräch. "Ich liebe Hamburg. Es ist die britischste Stadt
außerhalb des United Kingdom und mit ihrem Hafen, den Kanälen, dem Grün und
der Architektur die ideale Kulisse für einen Thriller." Zahlreiche TV-Drehs
für Kriminalfilme unterstreichen Russells Ansicht. Im November 2005
verbrachte er einige Zeit an der Elbe, um für seinen Roman zu recherchieren.

Herausgekommen ist eine dunkle Story, in der Jan Fabel von der Hamburger
Mordkommission ermittelt. Fabel bekommt es mit einem Serienmörder zu tun,
der nach jenem alten Ritual mordet - und dem Kommissar per E-Mail Hinweise
auf die jeweils Ermordeten gibt. Es ist ein grausiges Spiel, auf das sich
Jan Fabel einläßt, während er erkennt, daß er offenbar nicht der einzige
ist, der ein Interesse an dem Fall hat. Auch der Bundesnachrichtendienst
ermittelt undercover, denn ein Bandenkrieg droht im Hamburger Kiezmilieu
auszubrechen.

"Es ist historisch nicht gesichert, ob das Blutadler-Ritual tatsächlich den
Wikingern zugeschrieben werden kann. In meinem Roman wollte ich aber vor
allem zeigen, wie eine Person oder eine kleine Gruppe von Leuten viele
andere Menschen manipulieren kann, indem sie einen religiösen Kult
mißbrauchen, um ihre strategischen oder militärischen Ziele zu erreichen",
sagt Russell, der sich seit früher Jugend für die Geschichte der Wikinger
interessiert - und später Polizeibeamter wurde, bevor er in die Werbung und
1990 ins schreibende Fach wechselte.

Russell hat in seiner schottischen Heimat einen Kreis deutscher Freunde. So
zeichnet er denn auch in "Blutadler" - anders als dies nicht wenige
britische Romane und Filme machen - ein sehr differenziertes
Deutschlandbild. "Die Briten haben keine zutreffende Vorstellung vom
zeitgenössischen Deutschland. Immer wieder kommen sie auf Klischees aus der
Nazizeit, dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg zurück. Ich versuche in
meinem Kriminalroman eine Art kulturelle Brücke zu bauen." Wobei Russell in
seinen detailgenauen Schilderungen, die auf den ersten Seiten ein wahres
Adjektivgewitter auf die Leser regnen lassen, nicht der Schönfärberei
anheimfällt - er reißt das Problem der Suche nach nationaler Identität an
und spart auch nicht die unrühmliche Geschichte der Hamburger Polizei
während der NS-Zeit aus, etwa die Deportationen durch das Polizeibataillon
101.

Henning Mankell und Raymond Chandler sind Russells Vorbilder innerhalb des
Genres. "Ich finde es faszinierend zu sehen, wie ganz gewöhnliche Menschen,
die eine ganz gewöhnliche Sozialisation erfahren haben, zu Monstern werden
können", sagt Russell. Doch das gefährlichste Tier auf diesem Planeten sei
halt noch immer der Mensch. So treibt sich in Russells nächstem Roman, der
im kommenden Herbst erscheint, erneut ein psychopathischer Killer um - er
unterliegt einer Obsession, die sich zumeist harmlos geriert: Er lebt in der
Welt der Märchen.

Auch in diesem Buch aber wird die Geschichte nur Teil des Ganzen sein. Wie
in "Blutadler", in dessen Danksagung Russell schreibt: "Wenn dieses Buch
einen Helden hat, dann ist es keine Person, sondern eine Stadt. Vielen Dank,
Hamburg."

Craig Russell - der hanseatische Schotte.

http://www.abendblatt.de/daten/2006/02/21/535755.html


















Photography by
Andreas Biesenbach