Christopher Galt Novels

Hamburger Morgenpost
»Hamburg ist eine wunderbare Kulisse!«
RALF DORSCHEL

Auf dem Kiez liegen die Leichen und im düstersten Harburg - nach einem alten
Wikinger-Ritual auf das Grausigste hingeschlachtet. Als Schauplatz für
seinen ersten Roman "Blutadler" hat der Schotte Craig Russell sich ein
Hamburg zwischen Mob und Milieu ausgesucht. Heute liest er im Buchhaus
Weiland.

MOPO: Wie sind Sie als Schotte auf die Idee gekommen, Ihr Romandebüt nach Hamburg zu verlegen?

Craig Russell: Ich wollte meine britischen Leser an einen für sie neuen Ort
führen. Ich kenne Deutschland schon sehr lange und mich nerven die
Stereotypen in den britischen Medien. Das ist nicht das Deutschland, wie ich es kenne. Und warum ich Hamburg gewählt habe: Es gibt hier ein fast schon britisches Feeling. Es ist eine großartige Stadt mit vielen
unterschiedlichen Seiten. Und damit eben eine wunderbare Kulisse für einen Thriller.

MOPO: Die Krauts und "Don't mention the war"... Wieso halten sich diese
Deutschland-Klischees eigentlich in den britischen Medien?

Russell: Das ist Ignoranz, ein "Unbild": Die sprechen über den Krieg, weil
sie nicht wissen, wie es im heutigen Deutschland aussieht.

MOPO: Nun gibt es ja Gründe, warum Krimi-Autoren Leichen oft nahe der
eigenen Haustür stapeln: Sie kennen sich da gut aus. Wie konnten Sie sicher
sein, Hamburg nicht nur als Tourist zu kennen?

Russell: Immer wenn ich in Hamburg bin - außer wenn so viel Schnee liegt wie
jetzt -, laufe ich durch die Stadt und versuche, ihre Atmosphäre zu
erfassen. Und ich habe eine Armee von Beratern. So hat eine Hauptkommissarin
der Hamburger Polizei schon das englische Manuskript überprüft. Das Buch
sollte so authentisch wie möglich sein.

MOPO: "Blutadler" ist ein durchaus gehobener Thriller. Wäre der auch ohne
diese gruseligen Metzelszenarien denkbar gewesen?

Russell: Mir ging es darum, wie Geschichte festgehalten wird. Dieses
Wikinger-Ritual kommt in alten Aufzeichnungen vor - aber wir wissen nicht,
ob es jemals passierte oder nur Propaganda ist. Da geht es um die Frage nach
Geschichte: Wer hat sie geschrieben? Bei mir nutzt ein Serienmörder das
Ritual, um eine Gruppe zusammenzuhalten - ohne zu wissen, ob es überhaupt
authentisch ist. Ich wollte nicht schocken, wollte es nur realistisch haben.
Und "Wolfsfährte", der Nachfolger zu "Blutadler", wird deutlich
psychologischer sein.

MOPO: Wenn man mal aus dem englischen Titel des Nachfolgers, "Brother
Grimm", Rückschlüsse ziehen darf, dreht sich der auch um unsere Mythen.

Russell: Mir geht es um den Hintergrund der Märchen, die ja ursprünglich
nicht so nett und süß waren. Ich glaube, dass es immer schon Serienmörder
gab - nicht erst, seit wir Thriller-Autoren drüber schreiben. Und dass
Märchen eine Warnung vor dem Bösen und Merkwürdigen waren.

MOPO: Sie haben eine ganze Serie von Hamburg-Thrillern angekündigt. Wie groß
ist die Versuchung, mal einen Roman in Schottland spielen zu lassen?

Russell: Ich liebe Hamburg! Ich glaube nicht, dass ich genauso
enthusiastisch über Glasgow oder Edinburgh schreiben könnte. Ich glaube, ich
bleibe noch eine ganze Weile bei Hamburg.

http://archiv.mopo.de/archiv/2006/20060313/hamburg/kultur/hamburg_ist_eine_wunderbare_kulisse.html